• Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
Start Energiepolitik Erdgasbohrung in Bissendorf Erdgasbohrungen in Bissendorf

Erdgasbohrungen in Bissendorf

E-Mail Drucken PDF

Erdgas ist eine schöne Sache. Nicht so schwarz-schmierig-klumpig wie Erdöl, sondern leicht und luftig. Von Erdgasbohrungen geht keine Ölpestgefahr aus, denkt der wärmeliebende Mensch im kalten Nordeuropa, also ran an den Speck!

Doch die Erdgasförderung ist nicht immer eine saubere Sache, mitunter stinkt sie zum Himmel. Und das nicht nur wörtlich aufgrund der Faulgase, die austreten können, sondern auch im übertragenen Sinne aufgrund der Methoden, die inzwischen eingesetzt werden. Denn die großen und einfach zu erreichenden Vorkommen im Gestein sind inzwischen weitgehend ausgebeutet. Um aber an weitere, sogenannte „unkonventionelle“ Lagerstätten im Erdreich zu kommen, muss eine andere Technik her. Und die hat es in sich. Anders ausgedrückt: Wenn der Boden seine Schätze nicht freiwillig rausrückt, dann holen wir sie uns mit Gewalt.

Das bedeutet, mit hohen Drücken und mit giftigen Chemikalien wird das Gestein untertage aufgebrochen, damit das darin gefangene Gas gelöst und abgesaugt werden kann. Diese Methode nennt man Hydraulic Fracturing, kurz „fracking“.[1]

Diese Methode ist in den USA in den letzten Jahren verstärkt eingesetzt worden, was dort einerseits einen Erdgasboom, andererseits ziemlich heftige Umweltprobleme ausgelöst hat, was wiederum den Bundesstaat New York inzwischen dazu bewegte, jegliches Fracking auf seinem Territorium zu untersagen.

Obwohl also aus den USA massive Auswirkungen dieser Fördermethode auf ihre Umgebung dokumentiert, und obwohl die Konsequenzen der Fracking-Methode bislang wissenschaftlich nicht ausreichend erforscht sind, erteilte das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie im Jahr 2008 eine Fracking-Genehmigung in Deutschland für eine Bohrung der Firma ExxonMobil im Borringhauser Moor bei Damme. Mit dieser Genehmigung düpiert das Bergamt den Rat der Stadt Damme, der erst über die Presse von dem Einsatz dieser umstrittenen Methode erfuhr. In der Tat sehen die Genehmigungswege des Bergrechts eine Beteiligung kommunalen Behörden nur in Ausnahmen vor, was der Akzeptanz solcher Vorhaben bei der betroffenen Bevölkerung nicht gerade förderlich ist.

Gerade um diese Akzeptanz ist die Firma ExxonMobil aber sehr bemüht, denn die Bevölkerung ist gleichzeitig auch Kundschaft. Ein Image-Desaster wie bei der „Brent-Spar“ 1995, der Exxon Valdez 1989 oder dem aktuellen Unglück im Golf von Mexiko will und kann sich kein Energieunternehmen mehr leisten. Folglich geht ExxonMobil in die Offensive und kündigt an, die Dammer Bohrung wissenschaftlich begleiten zu lassen – wohlgemerkt, erst nachdem es öffentliche Proteste gegeben  hatte.

Ob das Unternehmen seinen eigenen Vorschlag tatsächlich ernst nimmt, oder ob es sich lediglich um einen Beschwichtigungsversuch handelt, wird die Zukunft zeigen. Doch zeigt sich schon gegenwärtig, dass das Unternehmen die Suche nach solch „unkonventionellen“ Gasfeldern auch ohne diese wissenschaftliche Untersuchung forciert, denn es führt bereits weitere Bohrungen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen durch. Eine findet zurzeit in Bissendorf statt.

Baustelle der Fa. ExxonMobil in Bissendorf

Auf einer Informationsveranstaltung am 30. November 2010 betonte das Unternehmen, dass es sich bei der Bissendorfer Bohrung lediglich um eine Sondierung handele, bei der die Fracking-Methode nicht eingesetzt werde. Noch nicht. Denn der Zweck der Probebohrung ist die Ortung von „unkonventionellen“ Erdgaslagerstätten. Das Ziel ist, bei erfolgreicher Ortung diese auch auszubeuten. Dieser Ausbeutungswille ist sogar Voraussetzung für eine Genehmigung, wie Abteilungsleiter Söntkerath vom Niedersächsischen Bergamt auf der gleichen Sitzung betonte, nur wer auch tatsächlich aktiv werde, würde überhaupt eine Bohrgenehmigung bekommen.

Zur Art und Weise dieser Ausbeutung wurde allerdings nicht viel gesagt. Wie auch, liegen doch noch keine wissenschaftlich belastbaren Erkenntnisse dazu vor. Auf der Veranstaltung am 30. November wurde lediglich die einfachste Variante präsentiert: Sollte das Gas in Tiefenwässern gebunden sein (vergleichbar mit der Kohlensäure in Mineralwasser), könne es zusammen mit diesen Wässern an die Oberfläche gepumpt und dort abgeschieden werden. So simpel das klingt, auch dies hat in der Vergangenheit nicht immer funktioniert: Wasser aus tiefen Bodenschichten ist stark salz-, säure- und mineralhaltig, teilweise mit Schwermetallen und sehr häufig sogar mit radioaktiven Substanzen belastet, was das Reinigungsvermögen einer kommunalem Kläranlage erheblich übersteigen würde. Doch selbst, wenn die Entsorgung geklärt würde, wie reagiert der Boden bzw. der Berg auf die massenhafte Entnahme von Wasser?

Entwässerungspumpen des Stüveschachtes Osnabrück [Museum Industriekultur, Osnabrück]

kleiner Exkurs: Osnabrück hat schon einmal die Erfahrung mit belasteten Abwässern aus dem Bergbau machen dürfen: Am 8. Juni 1898 wurde der Kohleabbau am Piesberg eingestellt, weil die anfallenden Grubenabwässer nicht ausreichend geklärt werden konnten und die Umgebung so stark belasteten, dass die Vegetation verdorrte. Die Bergleute arbeiteten in Holzschuhen, da Lederschuhe in kürzester Zeit von dem Grubenwasser zersetzt wurden. In den 1890er Jahren fielen teilweise über 40 m³ Wasser pro Minute von durch­schnittlich 4,63% Salzanteil an, das sind 2.670 to Salz täglich. Die bisherige Einleitung dieser Grubenwässer in den Fluss Hase wurde nach mehreren Klagen von betroffenen Anliegern durch die Behörden untersagt, die dagegen den Bau eines Kanals bis zur Ems empfahlen, deren höhere Wassermenge eine stärkere Verdünnung bewirken würde (wogegen wiederum der Großherzog von Oldenburg als Unterlieger an der Ems klagte). Der Kanalbau überstieg aber die finanzielle Kapazität des damaligen Unternehmens (des Georgs-Marien Bergwerks- und Hütten-Vereins) und führte somit zum Exitus der Kohleförderung am Piesberg. [mehr dazu beim Museum Industriekultur, Osnabrück]

Wenn schon diese einfachste aller Lösungen gar nicht so einfach ist, wie mag dann wohl eine komplexe aussehen? Auf der Bissendorfer Veranstaltung distanzierte sich ExxonMobil auf Anfrage jedenfalls nicht davon, in Zukunft auch die Fracking-Methode hier einsetzen zu wollen.

Und noch etwas wurde bei der Veranstaltung deutlich: Das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie ist kein Bedenkenträger. Als Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde für solche Bohrungen sollte das Bergamt dem Projekt doch sozusagen eine gesunde behördliche Skepsis entgegenbringen, so wie der TÜV den Schweißversuchen an meinem Auto. Doch der Kontrolleur macht sich gut Freund mit dem Kontrollierten. Die Vertreter von ExxonMobil und Bergamt traten in Bissendorf vereint vor die Öffentlichkeit, um zu betonen, wie sicher und unproblematisch die Sache sei und wie stark sie sich gegenseitig vertrauten. Ein Vertreter des Bergamtes sprach sogar davon, dass das Austreten von Chemikalien bei den Bohrungen „unmöglich gemacht“ werde (was man im Golf von Mexiko, am Prince William Sound oder in Tschernobyl auch behauptet hatte, bevor diese Orte traurige Berühmtheit erreichten). Auch wurde von einer Lebensdauer von Beton auf Offshoreanlagen in der Nordsee von 500 Jahren gesprochen. (Zurückdatiert würde das heißen, dass wir heute Betonbauten aus dem Hochmittelalter bewundern könnten, hätte man damals schon Beton benutzt. Und dann noch auf hoher See!)

Selbst die Sprache der beiden Behördenvertreter war parteiisch. So sprachen sie beispielsweise von der „Zementation“ von Rohren mit dem Gebirge. Umgangssprachlich sagt man dazu „betonieren“ oder „zementieren“ und meint einen Vorgang, bei dem eine Mischung aus Bindemitteln, Zuschlägen und Wasser in eine Schalung gekippt wird und dann aushärtet. Wenn dieses aber untertage in 2 km Tiefe und dann auch noch wasser- und gasdicht erfolgen soll, erregt das umgangssprachliche „Betonieren“ beim mündigen Bürger vielleicht doch ein wenig Skepsis. „Zementation“ klingt da doch sehr viel besser. Es gibt diesen Begriff sogar tatsächlich, er beschreibt den erdgeschichtlichen Vorgang der Lithifizierung (griech. Versteinerung) von ursprünglich locker abgelagerten Materials zu kompaktem Stein. Die Übertragung dieses natürlich/geologischen Vorgangs auf die Arbeiten bei den Bohrungen ist allerdings irreführend und verharmlosend. Denn es ist eben kein natürlicher Vorgang, der dort stattfindet, sondern ein Eingriff des Menschen in das Gefüge des Bergs. Eine Kontrollbehörde, die solche inhaltliche wie sprachliche Anbiederungen vornimmt, macht sich selbst fragwürdig.

Insgesamt bleibt festzustellen, dass die Energieunternehmen zurzeit große Summen investieren, um „unkonventionelle“ Lagerstätten von Erdgas zu erkunden. Summen, die bei der Entwicklung regenerativen Energien fehlen. Die Ausbeutung dieser fossilen Lagerstätten erfolgt mit Methoden, deren Auswirkungen auf die Umwelt nicht geklärt sind. Insbesondere ist die Unschädlichkeit des Einsatzes von giftigen Chemikalien beim sogenannten „Fracking“ nicht erwiesen. Im Gegenteil, es sind zahlreiche Fälle bekannt, bei denen es zu erheblichen Umweltschädigungen gekommen ist.

Wir fordern daher, den Einsatz der Fracking-Methode so lange zu untersagen, bis deren Unschädlichkeit nachgewiesen ist. Das bedeutet: Wenn die angekündigte wissenschaftliche Begleitung in Damme nicht lediglich Beschwichtigung für aufgeregte Anwohner sein soll, darf an anderer Stelle - also auch in Bissendorf - kein Fracking betrieben werden, bevor belastbare Ergebnisse aus der Dammer Untersuchung vorliegen und wissenschaftlich bewertet worden sind. Dazu gehört auch, dass das niedersächsische Bergamt seine Aufgabe als Kontrollbehörde ernst nimmt.

Da diese Kontrollbehörde die Risiken durch den Einsatz großer Mengen wassergefährdender Chemikalien offensichtlich als marginal einschätzt, die Auswirkungen auf die Umwelt (Trinkwasser) nicht umfassend prüft und die Öffentlichkeit nicht beteiligt, fordern wir, "unkonventionelle" Fördermethoden nach einem Verfahren zu genehmigen, wie es für andere Industrieprojekte auch gilt. Also ein Genehmigungsverfahren mit Umweltverträglichkeitsprüfung,  Stellungnahme der "Träger öffentlicher Belange" (z.B. Wasserwerke) und vor allem mit Bürgerbeteiligung.

Übrigens: am Samstag, den 18. Dezember um 19:00 Uhr haben wir Dr. Werner Zittel, Autor einer kritischen Studien zu "unkonventionelle Gasförderung" ins Café Barth zu einer öffentlichen Veranstaltung eingeladen. Im Zittertal 5, Bissendorf-Uphausen.

 

s. auch:

Stellungnahme der Grünen im Landtag, Bürgerinitiativen gegen Gasbohren in Nordwalde, Borken, Lünne..., Artikel auf Spiegel-online, ARD-Sendung Monitor Nr. 614 vom 18.11.2010, Deutschlandradio vom 10.11.2010, Video auf SpiegelTV, Blog Unkonventionelle Gasförderung, Galileo-Video auf Pro7, Weltspiegel vom 12.12.2010, TAZ-Bericht vom 31.12.2010

 


[1] vgl. Wikipedia, Stichwort: „Hydraulic Fracturing“. Weil sich Wikipedia laufend ändert, insbesondere bei strittigen Themen (wie dieses), hier die PDF-Version vom 23.11.2010. Ein Vergleich mit der aktuellen Version kann sehr lehrreich sein.

Aktualisiert ( Montag, den 31. Januar 2011 um 10:02 Uhr )  

Kommentare 

 
#2 Helmut B. 2011-03-28 10:27
Sehr geehrter Herr Hoffmann,
ich bin Stahlbetonbaume ister und habe die Autoren bei diesem Artikel beraten.
Zement ist ein Bindemittel zur Herstellung von Mörtel und Beton. Es hält die Zuschlagstoffe (in den meisten Fällen Sand und Kies) zusammen, damit diese eine kompakte Masse bilden können. Zement ist nicht Beton, er ist lediglich der Kleber, der die einzelnen Bestandteile des Betons zusammen hält.
Windkraftanlage n, die im Grundwasser stehen, habe ich noch nie gesehen.
Und ein Krankenhaus mit Krankenhauskeim en wird entweder desinfiziert oder geschlossen.
Einen schönen Tag noch.
 
 
#1 Manfred Hoffmann 2011-03-24 19:53
Zementation:
wenn man sein Wissen wie diese Autoren vorwiegend aus dem Internet bezieht und nur negativ der Bevölkerung serviert, muss das ja zu Unsicherheit und Ablehnung führen.
Bohrungen (Rohre) werden in Deutschland seit Jahrzehnten erfolgreich zementiert. Auch Geothermiebohru ngen müssen zementiert werden. Sogar Windkraftanlage n stehen im Grundwasser auf Beton. Man kann auch gegen alles sein.
Wenn jemand im Krankenhaus stirbt wird doch nicht gleich das Krankenhaus geschlossen oder?
Zurück in die Steinzeit.
 


Design by Kunstmartin / KM